Sopranos-schöpfer: „ich habe immer angst gehabt, dass die witze nicht funktionieren“
David Chase, der visionäre Kopf hinter der Kultserie „The Sopranos“, hat in einem seltenen Geständnis auf dem Karlovy Vary International Film Festival Einblicke in die Entstehung und die anhaltende Relevanz seines Meisterwerks gewährt. Nach fast zwei Jahrzehnten seit Produktionsende widersteht die Serie immer noch dem Zahn der Zeit, ein Erfolg, der Chase selbst überrascht und freut.
Ein vermächtnis, das chase selbst überrascht
„Offensichtlich platzt mein Herz vor Freude“, gestand Chase in einem Panel, das sich um seine Arbeit drehte. „Mein Hauptziel war es, zu unterhalten. Aber ja, es ist der Höhepunkt meines kreativen Lebens.“ Trotz des Ruhms und der Anerkennung gibt sich Chase bescheiden und gesteht, dass er sich Sorgen gemacht hat, ob die Referenzen und humorvollen Elemente der Serie auf lange Sicht Bestand haben würden. „Ich habe immer Angst gehabt, dass die Witze nicht funktionieren, vor allem die komödiantischen und wenn man echte Personen erwähnt. Ich dachte, das wird mit der Zeit verblassen. Es wird passieren, richtig?“
Chase offenbarte auch einige Punkte, die er bei einer möglichen Neuverfilmung ändern würde. Besonders kritisch äußerte er sich über einen Ausflug nach Italien in der zweiten Staffel, die Folge „Commendatori“: „Ich würde diese Episode ändern.“ Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Darstellung der weiblichen Charaktere: „Ich glaube, wir haben die Frauen in der Serie zu sexy und zu heiß dargestellt. Das wirkte sich nicht real an, als ich es später nochmal gesehen habe.“ Ein Statement, das für Aufsehen sorgte, da die Darstellung der Frauen in „The Sopranos“ oft als progressiv gewertet wurde.

Von der mafia zum prestige-fernsehen
„The Sopranos“ revolutionierte das Kabelfernsehen und etablierte HBO als führende Adresse für sogenanntes „Prestige-Fernsehen“, parallel zu Serien wie „Oz“ und „Sex and the City“. Chase beschrieb, wie er ursprünglich plante, die Geschichte als Film zu erzählen, wurde aber von seinem Agenten davon überzeugt, dass das Publikum „keine Lust mehr“ auf Mafia-Filme habe. Erst als HBO ihn kontaktierte, erhielt er die Möglichkeit, seine Vision in einer Serie umzusetzen. Die Inspiration für die Serie kam aus der Figur seiner eigenen Mutter: „Die Mafia war irgendwie ausgelutscht, aber Leute, die mich kannten, sagten mir, dass meine Mutter so eine wilde und lustige Person war, dass ich etwas über sie machen müsse.“
Chase kämpfte lange mit dem Sprung vom Filmemacher zum Fernsehautor, da in den 1970er Jahren eine strikte Trennung zwischen Film- und Fernsehbranche bestand. „The Sopranos“ bot ihm die Chance, ein Projekt zu realisieren, das so filmisch wie möglich war. Diese Vision kulminierte 2021 in dem Prequel-Film „The Many Saints of Newark“, in dem er gemeinsam mit Lawrence Konner das Drehbuch schrieb. Obwohl der Film kommerziell nicht erfolgreich war, fand er auf HBO Max Anklang.
Chase zeigt derzeit kein Interesse an einer Fortsetzung von „The Sopranos“, konzentriert sich aber weiterhin auf die Auseinandersetzung mit der italienisch-amerikanischen Gemeinschaft in New Jersey. Sein nächstes Projekt ist eine limitierte HBO-Serie, ein dramatischerThriller, der auf dem Buch „Project Mind Control: Sidney Gottlieb, the CIA and the Tragedy of MKULTRA“ von John Lisle basiert und die geheimen Gedankenkontroll-Experimente der CIA während des Kalten Krieges thematisiert. Chase befindet sich derzeit in der „Story-Phase“ dieser neuen Serie, die verspricht, einen ebenso faszinierenden Einblick in eine dunkle Episode der amerikanischen Geschichte zu gewähren. Die Serie deutet an, dass die kreative Energie von Chase noch lange nicht erschöpft ist; er scheint bereit, sich neuen, komplexen Themen zu widmen, die ebenso fesselnd und kontrovers sein könnten wie „The Sopranos“.
