Nashville: ein spiegelbild der amerikanischen seele – und ein weckruf?

Kurt Vonnegut Jr. wagte 1975 in Vogue einen Blick auf das vermeintlich Triviale, das Country-Musik-Nashville. Was er fand, war weit mehr als nur ein musikalischer Hotspot: ein verstörendes Porträt einer Nation, die sich selbst verliert. Eine Rezension, die bis heute nachhallt und uns zwingt, unbequeme Fragen zu stellen.

Die kamera als spiegel: altman entlarvt die amerikanische seele

Vonnegut, der selbst als Anthropologe die Relativität aller Kulturen verinnerlicht hatte, war selten geneigt, eine Kultur zu kritisieren – es sei denn, sie gefährde das Überleben. Nashville, so sein Urteil, sei ein solches Beispiel geworden. Robert Altmans Film, der die vermeintliche amerikanische Unbeschwertheit und den Patriotismus ins Visier nimmt, sei weit mehr als nur Unterhaltung. Es sei eine „spirituelle Inventur“ Amerikas, eine schonungslose Bestandsaufnahme dessen, was das Land geworden ist.

Das Paradox der Banalität: Vonnegut beschreibt, wie die Welt des Country-Musik-Business – insbesondere die Verehrung der Grand Ole Opry – eine fast religiöse Bedeutung erlangt hat. Diese Verehrung, so der Autor, vernebelt den Blick auf die eigentlichen Probleme und lenkt von einer kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte ab. Stattdessen schwelgt man in einer Art „blankem Hokum“, einer oberflächlichen Feier der Vergangenheit.

Die Szene, in der eine britische Dokumentarfilmerin, voller europäischer Arroganz, die Log-Hütte eines Country-Stars als „pure Bergman“ bezeichnet, ist besonders treffend. Sie verkörpert die Inkompetenz und die fehlende Sensibilität gegenüber der amerikanischen Kultur. Vonnegut schreibt: „Ich muss sagen, dass ich, als der Film vorbei war, nicht nur weinen wollte, sondern auch erschüttert war, wie wenig Bezug unsere Kultur zum Rest der Welt hat.“

Altman zeigt eine Kultur, die von Geld, Macht und Ruhm besessen ist, eine Kultur, in der die Vergangenheit gefälscht und Persönlichkeiten erfunden werden, um sich in dieses System einzufügen. Dies führt zu einer Entfremdung von der Umwelt und den Mitmenschen, und schafft eine Atmosphäre, in der auch die irrsten Ideen gedeihen können, getarnt als alltägliche Normalität. Der Autor warnt: „Murder kann leicht zur vernünftigsten Sache der Welt werden.“

Kulturelle verwirrung und die suche nach sinn

Kulturelle verwirrung und die suche nach sinn

Vonnegut zieht Parallelen zu seinen Erfahrungen als Anthropologiestudent, wo er lernte, dass jede Kultur ihre eigenen Absurditäten birgt. Doch die Gefahr liege darin, dass die amerikanische Kultur das Überleben selbst vernachlässige. Die „Dinge, an die wir glauben“, würden uns unsicher machen.

Der Film beginnt mit einer patriotischen Ballade, deren Refrain besagt, dass Amerika nach 200 Jahren „etwas richtig“ gemacht haben muss. Doch am Ende geht alles schief. Chaos, Wahnsinn und Sinnlosigkeit dominieren. Die Zuschauer, hilflos und voller Hoffnung, werden Zeugen des Scheiterns.

Altman suggeriert, dass wir unsere eigene Zivilisation verstehen müssen, um sie zu retten. Er zeigt das amerikanische Volk als unschuldig und schön, aber auch als anführerlos und ohne Ideale. Der einzige Trost, den die Kultur ihnen bieten kann, ist ein „enchantingly catchy und heartbreakingly inane ditty“, ein eingängiger, aber bedeutungsleerer Song mit dem Refrain: „It don’t worry me.“

Ein Appell an die Künstler: Vonnegut sieht in amerikanischen Künstlern, insbesondere Filmemachern, eine Hoffnung. Sie seien „magisch beobachtend“ und besser in der Lage, die Wahrheit zu zeigen, als die politischen und wirtschaftlichen Führer. Die überraschend tiefgründigen Leistungen von Henry Gibson und Lily Tomlin, die zuvor für seichte Unterhaltung auf “Laugh-In” bekannt waren, unterstreichen diesen Gedanken. Es ist an der Zeit, dass wir uns von banalen Liedern und leerem Gelächter befreien und eine gerechtere Verteilung von Anerkennung und Reichtum schaffen.

Doch wie so oft, lässt Vonnegut den Leser mit einer gehörigen Portion Skepsis zurück: „So what else is new?“ Denn die politische und wirtschaftliche Führung Amerikas scheint ideenlos und unvertraut mit dem wahren Wesen des amerikanischen Volkes.