Jack huston: vom kriegshelden zum sandmann – ein porträt des stillen beobachters

Jack Huston blickt auf die Verletzten. Nicht die mit Narben oder Entstellungen, sondern auf die Menschen mit der rauen Schale, die oft eine sensible Seele bergen. „Wir sind von Engeln umgeben, und wir bemerken es nicht“, sagt der 43-jährige Schauspieler während eines Frühstücks. Seine Faszination gilt den Geschichten, in denen das vermeintlich Böse eine überraschende Güte offenbart.

Die wandlung vom scharfschützen zum beschützer

Huston lernte diese Lektion hautnah im Beruf. Seine bahnbrechende Darstellung des Richard Harrow, eines verstümmelten Scharfschützen in „Boardwalk Empire“, vor fast 16 Jahren, machte ihn einem breiten Publikum bekannt. Richard, gezeichnet von einem Sandpapier-artigen Timbre und einer unheimlichen Blechmaske, die seine Kriegswunden verdeckte, war eine tragische Figur, ein stummer Golem mit einer Waffe, ein Monster unter der Kontrolle von Gangstern. Doch in ihm schlummerte der Wunsch nach Ganzheitlichkeit, der Traum von einem Strand, einer geliebten Frau und nackten Füßen im Sand.

Nun schlüpft Huston wieder in die Rolle von Veteranen, die versuchen, Frieden zu finden. Das Interview im Plaza Hotel in Manhattan, anlässlich seiner Rolle als Flint Marko, alias Sandman, in der neuen Marvel-Serie „Spider-Noir“, bietet die Gelegenheit, diese Gedanken zu vertiefen. Die Serie, basierend auf den Comics von David Hine und Fabrice Sapolsky, spielt in einem alternativen 1930er-New York, bevölkert von Helden und Schurken inmitten der Depression.

Nicolas Cage verkörpert den Privatdetektiv Ben Reilly, der als maskierter Vigilante „Spider“ agiert. In dieser filmischen Welt der Schatten und des Noir-Stils liefern sich Cage und Huston packende Auseinandersetzungen. Flint, ein Kriegsveteran, der zum Leibwächter der Nachtclubsängerin Cat Hardy (Li Jun Li) wird, besitzt die Fähigkeit, seinen Körper zu verhärten und zu formen – eine Gabe, die weit über die eines bloßen Superpowers hinausgeht. Seine Stärke liegt nicht in der Magie, sondern in der Härte des Lebens.

Ein erbe, das verpflichtet, eine eigene stimme

Ein erbe, das verpflichtet, eine eigene stimme

Huston stammt aus der berühmten Familie Huston, mit John als Großvater und Angelica als Tante. Sein maskuliner Eloquenz und sein Charisma scheinen ihm in die Wiege gelegt worden zu sein. Doch Huston ist entschlossen, seinen eigenen Weg zu gehen. Seine Kunstrichtung neigt sich langsam dem Außenseiter zu, den Menschen, die man aus der Öffentlichkeit meidet.

In diesem Zusammenhang befindet sich Huston in der Entwicklung seines nächsten Regieprojekts, einer Biografie über Joseph Merrick, den Mann, der im 19. Jahrhundert aufgrund seiner schweren Behinderungen als „Elefantmann“ in einem Karneval auftrat. „Es hat alles dazu geführt“, erklärt Huston. „Ich bin in den Kopf von Joseph eingetaucht. Ich habe jemanden gefunden, der als Monster galt, aber mit Güte und Anmut lebte und nie Schuldzuweisungen machte. Seine Seele war rein.“ Die Dreharbeiten sollen im September beginnen.

Neben „Spider-Noir“ nutzt Huston die New Yorker Premiere, um seinen Kindern ein Wochenende in der Stadt zu schenken, nachdem er fast die Hälfte des letzten Jahres im Ausland verbringen musste. Während sein Sohn Routinen und Fußballspiele bevorzugt, war seine Tochter begeistert von dem Event. „Ich habe ihr gestern ihr erstes schickes Paar Schuhe für die Premiere gekauft, und sie strahlt“, sagt Huston mit stolzgeschwollenem Gesicht. „Ich habe ihr gesagt, erzähl deiner Mutter nichts davon. Sie würde sich darüber aufregen.“

Von „boardwalk empire“ zu „spider-noir“: eine linie der menschlichkeit

Von „boardwalk empire“ zu „spider-noir“: eine linie der menschlichkeit

Huston zeichnet eine Verbindung zwischen seiner Rolle in „Boardwalk Empire“ und seiner aktuellen Rolle in „Spider-Noir“. Beide Charaktere sind von Krieg gezeichnete Männer, die mit den Folgen ihrer Erfahrungen kämpfen. „Es geht immer um die Menschlichkeit, die selbst in den dunkelsten Ecken lauert“, resümiert er. Huston betont, dass die Soldaten in solchen Situationen eine Loyalität zueinander entwickeln, die über alles andere geht – ein Band, das oft von der Außenwelt nicht verstanden wird.

Er erinnert sich an seinen Großvater, einen Kriegsveteranen, der sich in jährlichen Treffen mit seinen ehemaligen Kameraden am glücklichsten fühlte. Und er erzählt von einem Moment, in dem sein Großvater bei einem Gespräch über Mut definierte: „Mut ist ein Oberstleutnant, dessen Hand abgerissen wurde, der dennoch jeden seiner Männer salutiert, die zum Tod marschieren.“

„Das sind Dinge, die man nie vergisst“, sagt Huston nachdenklich. Seine Arbeit als Schauspieler und Regisseur ist eine Suche nach diesen verborgenen Wahrheiten, nach den Geschichten derer, die am Rande stehen, und nach der Schönheit, die auch in den vermeintlich hässlichsten Hüllen verborgen liegt. Jack Huston hat nicht nur seinen Platz in Hollywood gefunden, sondern auch eine Stimme für die Stummen.