Helena bonham carter: vom kostüm-klischee zur überraschenden rolle
Helena Bonham Carter, das Gesicht unzähliger historischer Stoffe, scheint endlich den Ausbruch aus dem Korsett der Kostümfilme geschafft zu haben. Nach Jahren, in denen sie als Lady Jane und in anderen viktorianischen Rollen das Bild der englischen Aristokratin verkörperte, wagt sie sich in Rollen, die ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellen – und das mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit, die das Publikum fesselt.
Die befreiung vom samtkorsett
„Ich habe so lange Haarteile getragen, dass ich selbst fast vergessen habe, wie ich aussehe“, gestand Bonham Carter in einem Interview. Die Verwandlung ist frappierend: Kurzes Haar, ein schlichtes Top und ein Sliprock – ein Bruch mit dem Bild der zarten, in Seide und Spitze gehüllten Dame, das sie so lange prägte. Die endlosen Stunden im Kostümzimmer, die starren Konventionen der historischen Dramen, all das scheint hinter ihr zu liegen. Sie selbst beschreibt die Zeit als eine Art „üppiges Samtkissen“, das sie zwar schützte, aber auch in eine gewisse Formelhaftigkeit zwang.

Von der soho-affärerin zur schrulligen dichterin
Schon zuvor hatte Bonham Carter versucht, sich von ihrem Image zu lösen. Ihre Rolle in Woody Allens Mighty Aphrodite katapultierte sie ins Bewusstsein des Publikums und in das 20. Jahrhundert. Doch auch diese Rolle, obwohl preisgekrönt, schien nur ein erster Schritt zu sein. Es folgten Auftritte als Stripperin in Dancing Queen und als – wie sie selbst sagt – „naseweise Hure“ in Margaret’s Museum. Diese Rollen zeigten eine Seite von ihr, die weit über das Bild der sanften Aristokratin hinausging.

the wings of the dove: ein wendepunkt?
Mit The Wings of the Dove scheint sich nun ein entscheidender Wendepunkt in ihrer Karriere abzuzeichnen. In Iain Softleys Adaption von Henry James’ komplexem Roman glänzt Bonham Carter als Kate, eine Figur, die sowohl machiavellistische Intrigen als auch kindliche Unschuld verkörpert. Kritiker loben ihre Darstellung als „exquisit“ und sehen in ihr die Möglichkeit einer ersten Oscar-Nominierung. Bonham Carter selbst hält sich jedoch zurück: „Ich persönlich glaube nicht, dass ich es verdiene. Es ist nicht meine beste Arbeit, und als Schauspielerin spürt man solche Dinge intuitiv.“
Das zuhause als anker
Trotz des Ruhms und der Anerkennung scheint Bonham Carter Halt in der Vertrautheit ihres Elternhauses zu finden. „Komfort, Kontinuität, das Gefühl der Proportion, das mir das Zuhause gibt – das ist wichtig für mich“, erklärt sie. Die Behauptung, sie habe noch keine „weiblichere, häuslichere Seite“ entwickelt, pariert sie mit einem Augenzwinkern: „Ich möchte unbedingt lernen, wie man kocht und eine Couch auswählt – all die Dinge, über die andere Frauen endlos reden. Aber ich kann nicht einmal einen Abendtermin für nächsten Dienstag festlegen.“
Ein überraschendes werdegang
Ihr Werdegang ist ebenso überraschend wie bemerkenswert. Entdeckt wurde sie von Trevor Nunn, dem Regisseur von Lady Jane, nachdem er ihr Gesicht in einer Anzeige für Stereoanlagen gesehen hatte. „Damals hatte ich all das Selbstbewusstsein, das mit Unreife und Arroganz einhergeht“, erinnert sie sich. Die Jahre seitdem waren geprägt von 20 Filmen, Gastrollen in Miami Vice und sogar einer Aufnahme von The Children’s Garden. Doch erst jetzt, mit The Wings of the Dove, scheint sie wirklich frei zu sein, ihre ganze Bandbreite als Schauspielerin auszuleben. Und das, so scheint es, ist erst der Anfang.