kunstgeschichte

Der fotograf, der die welt durchs fenster blickte: duane michals

Die Kunstwelt trauert um Duane Michals, einen der originellsten und einflussreichsten Fotografen des 20. und 21. Jahrhunderts. Mit seinem Tod am 9. Juni im Alter von 94 Jahren verliert die Fotografie eine schillernde Persönlichkeit, die die Grenzen des Mediums neu definierte. Doch wie war es wirklich, mit diesem Meister zu arbeiten? Chris Royer, ehemaliges Model, teilt eine Anekdote, die uns in die Welt des Fotografen entführt – eine Welt, die er liebevoll als „kinscvadászat“ bezeichnete, was Ungarisch für eine Art „Schatzsuche“ ist.

Von pittsburgh zu den new yorker galerien

Michals wurde am 18. Februar 1932 in McKeesport, Pennsylvania, geboren. Schon als Kind zeigte er ein ausgeprägtes Interesse an der Kunst und nahm bereits mit 14 Jahren an Malkursen am Carnegie Institute in Pittsburgh teil. Nach einem Studium an der University of Denver und einem kurzen Aufenthalt beim Militär entschied er sich, sein Glück an der Parsons School of Design zu suchen, zunächst mit dem Ziel, Grafikdesigner zu werden. Ein entscheidender Moment kam 1958, als er auf einer Reise in die Sowjetunion die Faszination der Fotografie entdeckte. Die dortigen Aufnahmen bildeten die Grundlage für seine erste Ausstellung in der Underground Gallery in New York im Jahr 1963.

Johnny cash im spiegelbild

Johnny cash im spiegelbild

In den späten 1960er Jahren begann Michals, für renommierte Titel wie Condé Nast zu arbeiten. Eine seiner ersten Aufträge war ein Porträt des Musikers Johnny Cash für die Novemberausgabe von Mademoiselle im Jahr 1969. Anders als die üblichen Porträts, die das Motiv direkt zeigen, fotografierte Michals Cash durch ein Fenster, wobei sein eigenes Spiegelbild ein wesentliches Element des Bildes wurde. Diese selbstreflexive Herangehensweise sollte zu einem Markenzeichen seiner Arbeit werden.

Der vater der fotografischen erzählung

Der vater der fotografischen erzählung

Michals’ Bedeutung für die Fotografie wird von Kritikern weithin anerkannt. Philip Gefter, ein enger Freund und Kritiker, bezeichnete ihn in der New York Times als „einen Künstler von bedeutender Konsequenz“ und gilt ihm als „den Vater der fotografischen Erzählung.“ Er war einer der wenigen offen homosexuellen Künstler seiner Zeit, was in einer konservativen Ära Mut erforderte.

Vogue und die kunst, mode zum leben zu erwecken

Während der 1970er und 1980er Jahre war Michals ein regelmäßiger Mitarbeiter von Vogue. Seine Arbeiten reichten von Behind-the-Scenes-Aufnahmen von Robert Redford und Mia Farrow bei den Dreharbeiten zu Der große Gatsby bis hin zu Reportagen über die San Francisco Ballet und die Schmuckdesignerin Elsa Peretti in ihrem legendären Studio. Besonders hervorzuheben sind seine Arbeiten für Vogue im Jahr 1976, als er für die Gestaltung der Frühjahrs- und Herbstkollektionen beauftragt wurde. Er präsentierte zwei völlig unterschiedliche Portfolios, die seine Kreativität und sein handwerkliches Können demonstrierten.

Die „schatzsuche“ in der vogue-abteilung

Wie ich mich aus meiner eigenen Zeit bei Vogue erinnere, war Michals’ Shoot für die Frühjahrskollektion im Februar 1976 ein unvergessliches Ereignis. Royer erinnert sich, dass Michals die Idee hatte, die Models als „beschäftigte Frauen“ darzustellen – und was könnte besser sein als die Planungsräume der Vogue-Redaktion, in denen das Magazin tatsächlich zusammengestellt wurde? Ein besonders markantes Bild zeigt Royer und ein anderes Model, die 35-mm-Transparente sichten, während ein Redakteur in der Bewegung verschwimmt – ein Vorgeschmack auf das, was Michals vorhatte.

Die carnegie hall und der tanz der modelle

Für die Herbstkollektionen entschied sich Michals für einen völlig anderen Ansatz. Statt an einem Drehort zu arbeiten, nutzte er das legendäre Carnegie Hall Studio des Fotografen Edita Sherman, bekannt als die „Duchess of Carnegie Hall“. Christiaan, der Hair Stylist bei einigen der Aufnahmen, beschreibt Michals als „eher zurückhaltend mit einer freundlichen Entschlossenheit“, der schnell „alle im Raum wie ein langsam drehendes Karussell organisierte“. Die entstandenen Bilder sind ein Höhepunkt der Modefotografie. Michals gelang es nicht nur, eine große Anzahl von Models gekonnt in Szene zu setzen, sondern sein Einsatz einer langsamen Verschlusszeit erzeugte eine subtile Unschärfe, die den Bildern eine Energie und Emotion verlieh, die in der Studio-Modefotografie selten zu finden sind.

Die unerwartete Art und Weise, wie Michals arbeitete, sorgte zwar anfangs für Nervosität, aber „jeder spürte, dass er an etwas Besonderem teilnahm“, erinnert sich Royer.

Duane Michals hinterlässt ein beeindruckendes Œuvre und eine bleibende Spur in der Kunstgeschichte. Seine Fähigkeit, die Fotografie zu erweitern und mit Text und narrativen Sequenzen neue Ausdrucksformen zu schaffen, wird ihn für immer als Pionier auszeichnen. Die „Schatzsuche“, die er mit seinen Bildern begann, wird uns noch lange begleiten.