Barbra streisand: verborgene juwelen neben den oscar-hits
Barbra Streisand, eine Ikone der Musik und Schauspielkunst, wird bald in Cannes mit der Ehrenpalme ausgezeichnet. Doch während "Funny Girl" und "The Way We Were" ihr zum Ruhm verhalfen, gibt es eine Reihe weniger bekannter Filme, die ihre Vielseitigkeit und ihr Talent eindrucksvoll demonstrieren. Streisand selbst gesteht in ihrem neuen Memoir, dass sie immer Schauspielerin werden wollte – ein Ziel, das sie mit Bravour erreicht hat.
Ein doppelspiel in "on a clear day you can see forever"
1970 wagte Streisand einen kühnen Schritt mit "On a Clear Day You Can See Forever". Basierend auf einem Broadway-Musical, das Barbara Harris ursprünglich verkörperte, übernahm Streisand nicht nur die Hauptrolle, sondern spielte gleich zwei: Lady Melinda Winifred Waine Tentrees, eine englische Kurtisane des frühen 19. Jahrhunderts, und Daisy Gamble, eine moderne New Yorker Frau, die unter Hypnose die Reinkarnation von Lady Tentrees offenbart. Ein faszinierendes Konzept, für das Streisand selbst die Idee hatte, zwei unterschiedliche Designer zu engagieren – Arnold Scaasi für Daisy und Cecil Beaton für Lady Tentrees – um die jeweiligen Epochen authentisch widerzuspiegeln. Besonders beeindruckend ist Streisands Wandlungsfähigkeit, die sich in der fließenden Übergang zwischen dem gebildeten RP von Lady Tentrees und dem ungeschliffenen Brooklyn-Slang von Daisy zeigt. Ihre komödiantische Begabung kommt in einer Szene zur Geltung, in der sie panisch auf dem Dach ihres Apartments tanzt, um einem hypnotischen Anfall zu entgehen.

Die suche nach erfüllung in "up the sandbox"
"Up the Sandbox" (1972) entstand inmitten der Frauenrechtsbewegung und zeigt Streisand als Margaret Reynolds, eine gelangweilte Hausfrau und Mutter, die sich nach mehr im Leben sehnt. Ihre Fantasien, beispielsweise den Umgang mit Fidel Castro zu träumen, spiegeln ihre innere Unzufriedenheit wider. Doch die stärksten Momente des Films konzentrieren sich auf Margarets stille Auseinandersetzung mit der Frage, wie sie eine gute Mutter sein und gleichzeitig ihre eigene Erfüllung finden kann. Streisand selbst räumt in ihrem Memoir ein, dass sie sich mit dieser Thematik stark identifizieren konnte, was ihrer Darstellung eine bemerkenswerte Authentizität verleiht. Die damalige kühle Rezeption des Films schmerzte Streisand, die sich fragte, ob das Publikum sie nur in Musicals oder Komödien akzeptieren würde.

Ein turbulentes liebesleben in "the main event"
Das Duo Streisand und Ryan O'Neal, das bereits in "What's Up, Doc?" für viel Begeisterung sorgte, bewies in "The Main Event" (1979) erneut sein schauspielerisches Können. Streisand verkörpert Hillary Kramer, eine Beverly Hills-Managerin, die ihr gesamtes Vermögen durch einen betrügerischen Geschäftspartner verliert und sich daraufhin dem Management eines Boxers (O'Neal) widmet. Streisands kurzer, lockiger, roter Haarschnitt erinnerte an Little Orphan Annie, doch ihre Figur verkörperte auch eine moderne Version von Lucy Ricardo aus "I Love Lucy". Der Film sollte eine Screwball-Komödie sein, doch unter der Oberfläche der humorvollen Verwicklungen präsentierte Streisand eine Frau, die sich in einer von Männern dominierten Welt behauptet.
Die verletzliche cheryl in "all night long"
Streisand gestand in ihrem Memoir, dass sie sich zunächst zögerlich fühlte, in "All Night Long" (1981) eine „dämliche, blonde Hausfrau“ zu spielen. Doch sie erkannte, dass sie noch nie eine Figur wie Cheryl Gibbons verkörpert hatte. Cheryl ist eine unterdrückte Ehefrau mit zwei Träumen: einen verheirateten Mann in einer Midlife-Crisis zu verführen und als Singer-Songwriterin erfolgreich zu werden – ohne jedoch das Talent dazu zu besitzen. Eine Szene, in der sie ein schlichtes Country-Lied am Klavier spielt, ist dabei besonders amüsant. Obwohl der Film Elemente der Broad Comedy enthält und Streisand ihre Dialoge in einer an Marilyn Monroe erinnernden Stimme vorträgt, ist ihre Darstellung exquisit unterspielt. Streisand verschmilzt förmlich mit der Rolle, unterstützt durch ein auffälliges Aussehen, das an Debbie Reynolds erinnert.
Die mütterliche joyce in "the guilt trip"
In "The Guilt Trip" (2012) verkörperte Streisand Joyce Brewster, eine jüdische Witwe aus New Jersey, die mit ihrem Sohn (Seth Rogen) eine Reise quer durchs Land unternimmt. Streisand hatte zuvor schon dithyrambische Gesprächspartnerinnen dargestellt, doch Joyce ist noch eine Stufe weiter: sie ist neugierig, übermäßig gesprächig und ein wenig provinziell, eine Sammlerin von Frosch-Kitsch und eine begeisterte Spielerin an Spielautomaten in Las Vegas. Obwohl der Film keine großen Erfolge an den Kinokassen feierte, war die Chemie zwischen Streisand und Rogen unschlagbar. Es bleibt zu hoffen, dass wir noch weitere Facetten dieser außergewöhnlichen Künstlerin auf der Leinwand erleben werden, denn wie Streisand selbst in ihrem Memoir schreibt: „Ich habe nicht viele Filme gedreht…nur neunzehn…während andere Schauspielerinnen, die zur gleichen Zeit ihren Weg begannen, fünfzig oder mehr Filme gemacht haben…Rückblickend habe ich das Gefühl, mein Potenzial nicht voll ausgeschöpft zu haben.“
